bad taste – bad date

Aufgebrezelt bis zum Gehtnichtmehr, zumindest soweit es meine Nervositäts-Diarrhö und die hormonbeeinflusste Geistesabwesenheit zugelassen hatten, hatte ich mich auf dem Weg zu einem vielversprechenden Date gemacht.
Vielversprechend bedeutete in diesem Fall:
der Oscar-Nominierte in der Kategorie „potentieller Märchenprinz-und zukünftiger Vater meiner Kinder-Hoffnungsträger“.

Allerdings handelte es sich bei dieser Verabredung um ein Blind Date.

Zugegebenermaßen ein Risiko.
Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Auch wenn das, was in der Regel per Schriftkontakt und Fotoaustausch beginnt, meist im niederschmetternden Visuell-Fiasko endet und man sich wünscht, der Name „Blind“ wäre Programm, muss es doch noch erfolgreiche Treffen dieser Art geben.
Als Belohnung fürs Durchhalten sozusagen.

Nicht, das Optik alles wäre, aber man sollte seinen Partner schon ansehen können, ohne an Spontanbulimie zu erkranken und sämtliche Gedanken an körperliche Liebe verstört aus seinem Gedankengut zu verbannen.

Sicher, es gibt beschissene Dates.
Darüber muss man an dieser Stelle wirklich nicht diskutieren.
Jeder hat mindestens eine absolut grauenerregende, beinah schon traumatisierende Episode zu schildern, wenn man sich mit jemandem getroffen hat, mit dem man, wider Erwarten, nichts, absolut gar nichts gemeinsam hatte und dem man demzufolge nichts, aber auch gar nichts zu sagen hatte.
Wenn aus Sekunden Wochen werden und man sehnlichst dem Ende dieser Zeitverschwendung engegenfiebert.

Nichtsdestotrotz machte ich mich voller Optimismus auf den Weg und bezog am verabredeten Ort Stellung.
Man sagt, der Mensch entscheidet in den ersten Sekunden darüber, ob er den Gegenüber mag oder nicht.
Es gibt aber auch Situationen, in denen dieser Prozess deutlich schneller abläuft.

Ich hatte nach 1 Millisekunde entschieden, dass ich dieses Treffen schon vor dem offiziellen Beginn beenden wollte und obwohl ich ihn immer zielstrebiger auf mich zukommen sah, versuchte ich die mangelnde Fluchtmöglichkeit zu ignorieren.
Die Nominierung zum Oscar wurde blitzartig gegen die zur Goldenen Himbeere eingetauscht.

Warum?
Wegen der Pomade.
Wegen der weggekauten Fingernägel.
Und:
Wegen der Rosinen.

Da er, nachdem wir fünf Meter durch die Stadt gegangen waren, ein Eis essen wollte, steuerten wir eine Eisdiele an.
Ich blieb, soweit es die Situation zuließ, auf räumlichem Abstand und distanzierte mich auch innerlich so weit von der Situation wie nur möglich.
Ich verzichtete freiwillig auf diese kühle Köstlichkeit, da mir sowohl die Lust, genüsslich an einem Eis zu schlecken, als auch der Appetit vergangen waren.

Und was tat er?
Er bestellte sich eine Kugel Schokolade (ok) und ein Bällchen Malaga (gar nicht ok).
MALAGA!!!
Wer bitte bestellt sich freiwillig eine Kugel Malaga?!?
Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten, aber Malaga?!? Ich habe es probiert und finde es widerlich.
Die meisten Menschen, also schätzungsweise 98%, finden Malaga widerlich.
Der Geschmack von Menschen, die sich freiwillig für eine solche Kugel entscheiden, ist widerlich.
Menschen die mit Leidenschaft eine Kugel Malaga-Eis essen, sind mir äußerst suspekt! Irgendwas stimmt nicht mit ihnen.

Oder wie kann man eine Eissorte lecker finden, die in ihrer weichen, fluffigen, köstlichen Creme verdörrte, schleimige, in billigem Alkohol eingelegte Rosinen beherbergt? Bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Rosinenhasser, -wirklich nicht. Aber Rosinen gehören für mich lediglich dorthin und auch nur dorthin, wo man ihren einzigen Bestimmungsort auch mit ihren Namen erkennbar gemacht hat.
In das Rosinen BRÖTCHEN.
Punkt.
Ende.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Was das Malaga-Eis angeht, schon!

Manche Lebensmittel werden hingegen überbewertet und sind, sobald sie in die Sparte des „coolen stylischen Must-have-Hipster“- Lebensmittels aufgestiegen sind, nirgendwo mehr wegzudenken. Egal ob es zu dem restlichen Essen passt oder nicht.
Oliven zum Beispiel oder Balsamico.
Die Rosine wird niemals so weit aufsteigen können.
Kein Wunder, sie ist ein vertrocknetes, schrumpeliges Etwas, dass alles andere als ansehnlich aussieht.
Ein Rosinen-Schiffchen?!?Nein danke..
Dann lieber Atomkraft.

Nun gut, zurück zu meinem Date..

Seine Frisur war ein ähnliches Malaga-Desaster.
Mit einer kompletten Tube Wet-Gel hatte er alles, was an Deckhaar übrig war, mit beiden Händen komplett nach hinten gegelt, so dass die schlimmsten Pomaden-Schmalzlocken Albträume in all ihrer Schmierigkeit wahr wurden und zurück in die Gegenwart gekrochen kamen.
Vermutlich wollte er seine Geheimratsecken betonen.
Man soll ja immer das Positive und Schöne hervorheben.

Hat er getan.

An den Geheimratsecken habe ich, außer an ihrer Existenz an sich, nichts auszusetzen.
Die Frisur war ein kläglich-gescheiterter Versuch, eine spießbürgerlich-schleimige Snob-Erkennungshaarpracht nachzuahmen.
Jedoch stellten sich am Hinterkopf immer wieder einzelne verklebte und verknotete Haarberge auf, da das Gel nur in den vorderen Regionen ausreichend aufgetragen worden war.

Seine bis an den Rand des Nagelbetts abgekauten Fingernägel taten ihr Übriges, um diesem Kandidaten sofort den Zonk zu überreichen, ohne ihm Umschläge zur Auswahl zur Verfügung zu stellen.
Während ich dem Ende dieser Begegnung entgegenfieberte, bedauerte ich mich und die Welt und die vielen Katastrophen-Dates, die in einer Reihe verschwendeter, wertvoller Lebenszeit und zerbrochener Hoffnungen und Träume den bitteren Geschmack der Enttäuschung mit sich bringen.

Aber, und das ist das Gute daran, je öfter man die Niete zieht, umso weniger Lose bleiben übrig und umso größer wird die Chance auf den Hauptgewinn.

Deswegen habe ich morgen ein  Date.

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2 Antworten zu “bad taste – bad date

  1. Ein sehr schöner Bericht :) Bin begeistert! Und die Sache mit den Rosinen…wer mag eigentlich Rosinen? Ist ja ekelhaft :D

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