Obacht, Obdach

Je mehr die winterlichen Außentemperaturen motiviert ins Minus klettern, umso mehr sehne ich mich, nach einem Aufenthalt in klirrender Kälte, nach meinem warmen, gemütlichen Zuhause, wo ich mich mit einer heißen Tassen Kaffee und einer leckeren Suppe auf der Couch in meine Decken wickeln kann.
Wenn die kuscheligste Zeit des Jahres beginnt, fühle ich mich in den eigenen (wenn auch nur angemieteten) vier Wänden besonders wohl.
Ein Dach über dem Kopf haben.
Das scheint für uns oft ganz selbsverständlich zu sein.
Ist es aber nicht.
Es gibt Menschen, für die diese Jahreszeit wohl die Schlimmste und auch Lebensgefährlichste ist.
Obdachlose.
Sie gehören so selbstverständlich zu unseren Stadtbildern dazu, dass man sie oft nicht einmal mehr bewusst wahrnimmt.
Ignoranz in Perfektion.
Während wir uns oft mit Luxusproblemen herumschlagen, gibt es leider viel zu viele Menschen mit wirklichen, existentiellen Problemen.
Unanhängig davon, ob durch eigenes Verschulden, schlechtes Karma oder ein feindseliges Schicksal -was tun wir dagegen?

Nichts.

In 99% aller Fälle.
Ich gehöre auch dazu und frage mich immer wieder: Warum?!?
Es müssen nicht die großen, weltrettenden Taten sein, sondern oft reichen schon kleine Gesten der Aufmerksamkeit.
Was spricht dagegen, jemandem eine warme Suppe zu spendieren oder ein leckeres Brötchen zu überreichen?

Oftmals ist es einfacher, auszublenden, was uns den Glauben an unsere Illusion der kleinen, perfekten Welt nehmen könnte.
Oft ist es auch Angst vor einer nicht abschätzbaren, unvorhersehbaren Reaktion.
Oder es ist ein unangenehme Gefühl, sich selbst ungefragt als almosenspendender Gönner aufzudrängen.
Oder eine Berührungsangst und eine unsichtbare Hürde, die scheinbar kaum zu überwinden ist.
Oder, oder, oder.
Es gibt so unglaublich viele, ganz individuelle Gründe.
Sie alle sollten keine Rolle spielen, weil sie uns nur davon abzuhalten, nett zu sein und anderen Menschen eine Freude zu machen.

Ich habe es bisher einmal in meinem Leben geschafft, all diese Gründe außer Acht zu lassen und zehre noch heute von diesem Augenblick.
Mein Arbeitgeber hatte seinen Mitarbeitern einen Schokoladen-Nikolaus geschenkt und mit diesem in der Tasche ging ich am 06.Dezember nach Feierabend auf den Weihnachtsmarkt, um mich mit Freunden zu treffen.
Dort sah ich einen unserer stadtbekannten Obdachlosen vollkommen isoliert in der Menschenmenge stehen. Um ihn herum wurde getrunken, gelacht, gequatscht.
Er stand mittendrin, mit ernster Miene und war geradezu unsichtbar.
Niemand nahm Notiz von ihm und allein die Vorstellung, wie sich das anfühlen könnte, raubt mir immer wieder den Verstand.
Nach langem Hin und Her ging ich mit klopfendem Herzen zu ihm (ich war absurderweise schrecklich aufgeregt) und fragte ihn, ob ich ihm den Schokoweihnachtsmann schenken dürfe, weil heute Nikolaus sei. Er sah mich an, nickte und meinte nur: “ Ja, danke sehr gern. Das ist nett“.
Ich verabschiedete mich und kehrte zu meinen Freunden zurück.
Er stand den Rest des Abend lächelnd auf seinem Platz, mit meinem Geschenk in den Händen und sah dankbar zum Himmel.
Es mag in manchen Ohren schnulzig klingen, aber es war tatsächlich so und es war ein ganz besonderer Moment in meinem Leben, den ich nie wieder vergessen werde.

Wenn nur die Hälfte von uns nicht mehr blind an einem Obdachlosen vorbeigehen würde, wäre die Welt nicht automatisch besser, aber zumindest für den Betreffenden und uns selbst.

Es sind die kleinen Dinge die zählen und wenn es nur ein unbedeutender Nikolaus aus Schokolade ist.

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