Ritual-fatal

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Ich sitze vor einem Glas Wein, trinke einen Schluck und wundere mich.

Kurz.
Zu kurz, als dass ich hinter den Grund dieses wundersamen Moments kommen könnte.

Meine Aufmerksamkeit huscht sofort zurück zu der Freundin, mit der ich in unserem Lieblingscafé sitze und in ein interessant-amüsantes Gespräch vertieft bin.

Erst drei Stunden später auf dem Nachhauseweg fällt mir auf, worüber ich mich stumm gewundert hatte.

Ich hatte Lust auf ein Bier.
Den ganzen Abend lang.
Und was trank ich?
Wein.

Irritiert und in einem Anflug von Trotz überlege ich, zum Kiosk zu gehen und mir ein kühles Blondes zu kaufen, frage mich aber stattdessen, warum ich um Himmels Willen überhaupt einen Wein getrunken habe.

Prinzipiell ist an dieser Situation nichts Dramatisches und sie ist in all ihrer Nebensächlichkeit so vollkommem unwichtig, dass ich trotzdem das Gefühl nicht los werde, dass mehr hinter der Sache steckt.

Dieses „mehr“ ist wortwörtlich zu nehmen und exakt der springende Punkt, denn eine solche Situation ist keine Seltenheit und ich tue regelmäßig Dinge, ohne sie zu hinterfragen und die nicht im Einklang mit dem sind, was ich eigentlich möchte.

Warum tue ich es dann?

Es ist ein Ritual.
Immer wenn ich mich mit dieser Freundin treffe, trinken wir beide ein Glas Wein.
Das ist fest mit unserem Treffen verbunden, als hätten wir uns irgendwann bewusst dazu entschieden.

Haben wir aber nicht. Es hat sich einfach so ergeben.
Eine unausgesprochene Tatsache.
Ein Fakt.
Und Punkt.

Ich bin umgeben von solchen Ritualen und Traditionen.
Sie erobern meinen Alltag, nehmen Besitz von meiner Handlungs-und Entscheidungsfreiheit.

Ich hinterfrage, gefangen in diesen Abläufen, mein Handeln nicht.
Meine Bedürfnisse und Wünsche nehme ich in diesen ritualgesteuerten Momenten nicht wahr und denke gar nicht daran, dass es eine Alternative zum typischen Ablauf gibt.

Ein Automatismus hat sich breit gemacht, der mich zum Roboter meiner und der gesellschaftlichen Traditionen macht.

Wenn wir uns kurz an den vergangenen Monat zurückerinnern: gerade die Tage und Festlichkeiten des Dezembers sind vollgestopft mit Ritualen und Traditionen, die man automatisch abspult, ohne den Sinn und die Notwendigkeit kritisch zu betrachten und vielleicht den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

Und so ißt man Weihnachtsgans, obwohl man viel mehr Lust auf eine Pizza vom Italiener um die Ecke gehabt hätte.
Aus einem wohltuenden Ritual wird ein Gefühl des „Gefangen-seins“ im Alltagstrott.

Es kostet eben Zeit und Energie, bekannte Situationen neu zu analysieren und mit unserem Befinden in Einklang zu bringen.
Ich mache mir nicht die Mühe darüber nachzudenken.
Schema F ist schneller, bequemer, unkomplizierter.

Natürlich gibt es auch schöne und wichtige Rituale.
Sie sorgen für ein beruhigendes Maß an Sicherheit und sind außerdem elementarer Bestandteil für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Beziehungen und dienen dazu, dass wir uns mit den involvierten Menschen verbunden fühlen.
Diese Rituale allerdings nimmt man bewusst(er) war und empfindet sie wieder und wieder als angenehm und perfekt.
In all seinen Details.
Jedes ist wichtig für das Gesamt-Rundumsorglos-Ritual-Wohlfühl-Paket.

Es gibt aber auch Formen, die für uns nichts Gutes tun und denen man stumpfsinnig aus Gewohnheit folgt.
Zeit für eine Veränderung.
Die Welt geht nicht unter, wenn wir Details variieren, die keine dieser elementaren Bestandteile sind und uns einschränken.
Es schmälert folglich keineswegs die Qualität des Rituals an sich.

Im Gegenteil.
Durch ein gesundes Maß an Flexibilität bleiben die sich wiederholenden Rituale einzigartig und wirken als positiver Verstärker.
Ohne den Beigeschmack von Verpflichtung und dem Gefühl von Fremdbestimmung und Einengung.

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3 Antworten zu “Ritual-fatal

  1. Gesundes Maß an Flexibilität macht sogar schlau! Haben Forscher herausgefunden. Es helfen schon solche kleinen Dinge, wie nicht immer auf demselben Parkplatz auf der Arbeit zu parken, oder hin und wieder seine gewohnte Route beim Spaziergang zu ändern, oder ab und zu in einem anderen Supermarkt, als den gewohnten Einkaufen zu gehen und und und… die Liste kann unendlich fortgesetzt werden.

  2. Ach so…. vergessen: „Schlau macht es“ weil andere Areale im Hirn mehr stimuliert werden durch andere Sicht, evtl. anderen Geruch, anderen Geschmackt… das Gehirn muss sich in einer scheinbar bekannten Sitution auf Neues einstellen…

    • Stimmt, davon hab ich auch schon gehört..:)
      Dann starte ich morgen mal das Projekt „Abseits der vertrauten Wege“..
      Eigentlich auch ein guter Tag für mein Date..;)

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