Verlegung verlegt

Die Krankenhaus – Saga
…Teil 2

 

Während Opa friedlich schläft, nachdem er mich und das Personal die halbe Nacht wachgehalten hat, liege ich schon wieder munter im Bett herum und befinde mich in einer Phase, die sich auf den Weg in einen kleinen Krankenhauskoller befindet.
Wirklich nur ein kleiner, aber doch spürbarer.
Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, aber ich habe gerade nichts Besseres zu tun.

Das Problem ist, der Spaßfaktor sinkt allmählich ab, da die Möglichkeiten der Situationskomik äußerst begrenzt sind, sich langsam wiederholen und somit der Langeweile und Unlust Raum geben, sich zu entfalten.

Außerdem möchte ich endlich die alleinige Macht über meinen Körper zurück.

Der Grund für meine Laune:
Eigentlich hätte ich gestern auf die Normalstation verlegt und von den Kabeln endgültig befreit werden sollen.
Das war wohl nix.
Ich bin immer noch hier.

Meine Freiheit habe ich zwar minimal wiedererlangt, aber nicht so, als das sie wirklich als solche spürbar wäre.
Ich darf mittlerweile aufstehen, muss aber vorher nach einer Schwester klingeln, die mich von den Geräten abklemmt und eigentlich auch wieder anklemmt.

Letzteres habe ich gestern einfach selbst gemacht und mich dabei wahnsinnig braveheart-mäßig gefühlt.
Ein kleines Stück Rebellion gegen die auferlegte Abhängigkeit.

Hat nur keiner gemerkt.

Ich schmiede Pläne für Extremes.
Bilder, wie ich mir hulkmäßig die verhedderten Elektroden und Manschetten von der Brust reiße und „FREEEEEIIIIHEEEEIT“ brüllend mit wehendem Mickey Mouse Shirt durch den Gang renne und von der Station stürze, schweben mir vor.

Opa ist da schon einen Schritt weiter.
Das er ebenfalls Monitorpflicht hat, interessiert ihn nicht.
Er geht einfach ins Bad, wenn er will.
Kommen die Schwestern dann nach zwei Minuten hektisch-aufgeregt angerannt, liegt er schon wieder wie die Unschuld höchstpersönlich im Bett und ist schlau und stellt sich dumm, während die Schwestern ihn darüber informieren, dass er seine Manschetten verloren hat und aufpassen muss, wenn er sich bewegt.
Ein königliches Schauspiel und ich genieße als Verbündete Opas Triumph über die Fremdbestimmung in vollen Zügen mit.

Das gestrige Highlight, bei dem ich mich suchend nach der versteckten Kamera umblickte und das das gesamte Animationsprogramm der Aida vollkommen in den Schatten stellte, war das Auftauchen der Sternsinger vor meiner geöffneten Zimmertür.
Während Opa sich mit seinem Besuch anbrüllte, sangen die Kinder in glockenhellen, schiefen Stimmen, begleitet vom Gitarrenspiel der Betreuerin irgendwas von Kaspar, Melchior und Balthasar.
Ich musste kurz überlegen, ob ich wirklich in der Kardiologie liege oder was sonst an dieser Situation falsch sein könnte, ohne das es etwas mit meinem psychischen Gesundheitszustand zu tun hat.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten und daher mit den christlichen Bräuchen nicht allzu vertraut, aber ich dachte immer, die Sternsinger kommen zur Weihnachtszeit.
Wie dem auch sei, sind sie entweder etwas spät oder verdammt früh unterwegs.

Wirklich gemobbt habe ich mich heute Nacht gefühlt.
Seit Opa und ich uns das Zimmer teilen, haben wir 24 Stunden lang ein gekipptes Fenster und dadurch immer frische, kühle Luft in unseren Gemächern.
Wir sind uns stillschweigend absolut einig darüber.
Als Opa heute nacht die Schwestern auf Trab hielt, bekam ich im verwirrten „aus dem Schlaf gerissen“-Zustand mit, wie eine der Schwestern unser Fenster schloss.
Warum, ist mir ein Rätsel, schließlich liegt sie ja nicht hier.
Nachdem sie gegangen und ich einigermaßen wach war, kletterte ich vorsichtig mit meinem Kabelsalat aus dem Bett, kam nur durch genau durchdachte Kabelkoordination und unfassbare Beweglichkeit gerade so an das Fenster heran und öffnete es voller Stolz wieder.
Bei Opas zweitem Radau das gleiche, unnötige und fragliche Spiel.
Ebenso beim dritten und beim vierten Mal.
Auf eine fünfte, nächtliche Episode verzichtete Opa und ich war selig und siegessicher.
Teil zwei der Rebellion erfolgreich abgeschlossen.
Von wegen.
Gerade kam eine Schwester mit einem fröhlichen „Guten Morgen, das ist aber kalt hier“ ins Zimmer gelaufen und marschierte Richtung Fenster.
Meine Alarmglocken klingelten alle auf einmal wild und grell durcheinander.
Mit einem völlig erschöpft-verzweifelten letzten Aufbäumen bat ich sie, es offen zu lassen.
Das „Sind Sie sicher“ ihrerseits konnte ich nur mit einem leeren, ungläubigen Blick beantworten, als sie das Fenster schloss.

Ich bin gespannt, was heute noch auf mich zukommt, wenn der Tag schon so beginnt.
Aber wenigstens hat es dann doch einen, wenn auch teilweise skurrilen, Entertainment-Faktor….

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