Wegen Überfüllung geschlossen

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„Juuuuuleeee“ plärrt eine antiautoritär erziehende Mutter ihrem ungezogenen Balg hinterher, das über die faszinierende Fähigkeit verfügt, permanent im Weg zu stehen und jedem genervten IKEA Kunden vor den überfüllten, manövrierunfähigen Wagen zu trampeln, ohne zu bemerken, dass es neben der eigenen „Ich stehe immer im Mittelpunkt“-Welt noch andere Paralleluniversen gibt.

Der in rosa-pink gehüllte, wirbelnde Meter reiner Albtraum, der auch gut als Cindy aus Marzahns Tochter durchgehen könnte, bringt auch mich an den Rand eines Tobsuchtanfalls.
Mein 80kg Einkaufsgeschoss könnte ich gut und gerne als tödliche Waffe missbrauchen und „Juuuuuleeee“ samt Mutter überrollen, würde mich nicht meine Renovierungsmotivation und die Angst vor unschönen Dellen am neuen Möbelstück davon abhalten.

Nach einigen gescheiterten Fluchtversuchen gelingt es mir schließlich doch, den Antichrist abzuschütteln und mit meiner Kommode, ohne Kratzer und pinke Stofffetzen, den schwedischen Bastelshop zu verlassen und die Möbel-Puzzleteile in meiner Wohnung zu arrangieren.

Zwei Stunden später suche ich immer noch einige Schrauben.

Zwei weitere Stunden später, MacGuyver wäre stolz auf mich, steht das neuste Mitglied meiner Einrichtungsfamilie dank einiger Improvisationskunst endlich zum Einräumen bereit.

Was ich nicht ahne ist, dass ich erneut zwei Stunden später feststelle, dass meine Wohnung zu klein geworden ist und ich theoretisch plane, die Kommode wieder abzubauen, alles in Kartons zu verstauen, eine neue, größere Bleibe zu suchen und dem Möbelgiganten einen weiteren Besuch abzustatten.

Obwohl ich ein Freund vom regelmäßigen Ausmisten und Wegwerfen bin, bin ich nun an einem Punkt angelangt, wo ich scheinbar nichts mehr entsorgen kann.
Es ist frustrierend und gleichzeitig absurd.
Anstatt durch neuen Stauraum für mehr Ordnung zu sorgen, ruft dieser das reinste Chaos hervor.
Sämtliche Schränke werden durchwühlt, um unnötigen Ballast zu entdecken, von dem ich mich befreien könnte.
Der Erfolg ist dünn.

Ich habe mein absolutes Minimum erreicht.
Mein Maximum allerdings auch.
Rien ne vas plus. Nichts geht mehr.
Weder was das Ent-noch das Besorgen angeht.
Doch sollte ich in eine größere Wohnung ziehen, wie lange dauert es, bis ich erneut vor einem Platzproblem stehe?
Und vor allem, wo zum Teufel kommt das ganze Zeug her?

Es ist der Spiegel des Lebens in der Hölle der Konsumgesellschaft.
Sie suggeriert uns, nicht das Beste zu haben, alles zu brauchen und nicht genug zu besitzen.
Eine Jagd nach käuflicher Anerkennung, Zufriedenheit und Prestige.
Schneller, besser, weiter.

Glücklicherweise gibt es auch zu dieser krankhaften Entwicklung und übertriebenen Anhäufung von Dingen, die man nicht braucht, immer mehr Gegenbewegungen.
Tauschbörsen und Sharing Systeme beispielsweise sind mittlerweile sehr populär und vor allem selbstverständlicher nutzbar geworden.
Das absolute Extrem des Anti-Konsum-Denkens ist der „extrem Minimalism“, bei dem die Anzahl der Besitztümer auf 100 oder weniger Gegenstände reduziert wird.
„Less is more“.
Damit hätte ich allein mit Büchern oder Küchengeräten ein ernstes Problem. Ganz abgesehen von Klamotten und Schuhen.

Kelly Sutton hat bereits 2010 vorgemacht, wie dieses besitzreduzierte Leben im Minimalismus aussehen kann, ohne das es zwangsläufig an Qualität verliert.
Im Gegenteil.
Durch die Distanz zum „Haben wollen“ und dem damit einhergehende Druck, kann man sich wieder auf wesentlichere Dinge konzentrieren, anstatt zu überlegen, wie man möglichst schnell den neusten HD Flatscreen finanziert oder wo man nun das zehnte Paar schwarze Pumps unterstellt.

Ja, diese Lebensweise IST extrem und bei aller Liebe für Reduzierung nichts für mich, aber mit dem Wissen über die Realisierbarkeit des Minimalismus und die Krankhaftigkeit und Unnötigkeit des Konsums werde ich mein heimisches Chaos lieber nochmals durchforsten, anstatt eine erneute Begegnung mit „Juuuuuleeee“ zu riskieren.

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