Hat man jedes Mal die Wahl?

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Ist es immer, in jeder Situation, möglich, frei nach dem eigenen Willen zu entscheiden und zu handeln oder gibt es Situationen, in denen man die eigenen Wünsche den gesellschaftlichen Konformen unterwerfen muss?

Und wo beginnt diese Einschränkung?

Ich stelle mir diese Frage, weil es immer wieder Situationen gibt, in denen man sich zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet fühlt, das nicht im Geringsten etwas mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu tun hat.
Und in der Regel geht es dabei nur um die Erwartungshaltung einer anderen Person, die wir glauben, erfüllen zu müssen.
Aber warum?

Frau L. beispielsweise erinnerte mich die Tage an den 75. Geburtstag ihres Bruders und ermahnte mich eindringlich, dass es ein Zeichen des Anstands und Respekts sei, zu diesem besonderen Ereignis zu gratulieren.
Der vorwurfsvolle Appell war unüberhörbar!

Ich habe mit ihrem Bruder jedoch nichts zu tun.
Nicht, weil ich ihn nicht mögen würde, sondern weil jeder sein eigenes Leben in seiner eigenen Welt lebt, in der es keinerlei Berührungspunkte gibt.

Warum also soll ich ihm nun eine Geburtstagskarte schicken?
„Es gehört sich eben so.“

Ja, ich breche mir natürlich keinen Zacken aus der Krone, wenn ich es tue, aber was hat ER davon?
Er bekommt ein totes Stück Baum mit belanglosen Pflicht-Wünschen, die nicht aus dem Herzen kommen, sondern lediglich ein Häkchen auf der To-do-Liste sind.
Und diese Karte wird vermutlich nicht einmal richtig in seiner bewussten Wahrnehmung ankommen, weil sie in der Flut aus Geburtstagsgrüßen untergehen und seine Aufmerksamkeit bei den Karten sein wird, die von Menschen geschickt wurden, die ihm tausendmal wichtiger sind als ich.

Warum also diese Einmischung durch Dritte, obwohl für die betreffenden Parteien weder ein Problem noch der Wunsch nach einer Lösung besteht?

Grundsätzlich empfinde ich diese Art krampfhaft-zwanghaften Eingreifens in das eigentliche Geschehen nicht nur als anstrengend, sondern auch als unnötig.
Es ist ein Versuch der Fernsteuerung und Fremdkontrolle, der in mir lediglich eine Welle Trotz hervorruft.
Ich mache dann eher das Gegenteil, um deutlich zu machen, dass ICH, ich ganz allein, die Entscheidungen in meinem Leben treffen darf.

Oft habe ich mich angepasst und mich geärgert, wenn ich mich in einer Situation wiederfand, die mir aufdiktiert wurde.
Deswegen habe ich vor kurzem damit aufgehört, dem Wunschdenken Anderer zu entsprechen und höre auf mich, meine innere Stimme und mein Bauchgefühl.

Ein Schlüsselerlebnis war Anfang des Jahres als die Schwester meiner Oma väterlicherseits im stolzen Alter von 90 Jahren starb.
Tante Anna war eine ganz wunderbare, großherzige und warme Frau und ich möchte sie sehr gern.
Noch bevor der Termin für die Beerdigung feststand, war mir jedoch klar, dass ich nicht hingehen wollen würde.
Bis heute weiß ich nicht warum, es spielt aber auch keine Rolle.
Es wird schon einen Grund gehabt haben.
Das Wichtigste daran ist, dass mein Vater diese Entscheidung akzeptiert und respektiert hat.
Ohne Zögern.
Und ohne Vorwürfe, spitze Bemerkungen oder irgendeine andere Form der Missbilligung.
Weil er gleichermaßen für sich erkannt hat, dass es für alle anderen ok sein sollte, wenn es für einen selbst ok ist.
Es nutzt niemandem etwas, am wenigsten uns selbst, wenn wir uns von anderen vorschreiben lassen, was wir zu tun und zu lassen haben.

Ich möchte anderen Menschen eine Freude machen, wenn der Wunsch danach aus tiefstem Herzen kommt.

Ich möchte authentisch sein dürfen und nicht etwas spielen müssen, um eine falsche Harmonie aufrecht zu erhalten.

Ich möchte mir selbst treu bleiben dürfen und nicht etwas heucheln müssen, das nicht existiert.

Ich möchte ehrlich sein dürfen und meine Entscheidung sollte akzeptiert werden, auch wenn man es vielleicht selbst nicht versteht und anders machen würde.

Ich möchte ICH sein dürfen!
Und davon möchte ich mich nicht mehr abhalten lassen, denn das Leben ist zu kurz, um Zeit auf etwas zu verwenden, das keine Freude macht.

Fakt ist, eine Wahl hat man immer!
Es kommt nur darauf an, wie man seine Entscheidung kommuniziert.
Und man sollte im Vorfeld für sich selbst abwägen, welche Konsequenzen diese Entscheidung haben könnte und ob man mit ihnen leben kann.

In diesem Sinne:
„Tu was du liebst und tu es oft!“

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Eine Antwort zu “Hat man jedes Mal die Wahl?

  1. Ja, es gibt Gesellschaftskonformes Verhalten und wir alle benötigen es um ein gemeinschaftliches Leben zu führen. ABER: sehr häufig führt eine stark ausgeprägte Form davon zu einem Verhalten: wir fühlen keine Selbstliebe mehr! Nicht Selbsverliebtheit, sondern Selbstliebe (großer Unterschied!!)
    Nichts ist so wichtig wie sich selber der beste Freund sein!
    Hochachtung vor deinem Dad!!! Es ist ein großes Zeichen eines großen, tollen Charakters dich so zu lassen wie du bist! Sei stolz auf deinen Dad!!! Sehr sehr toll!!!

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