Zeitsprung in eine fremde Welt

image

Wer morgens mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt, weiß, dass dies in der Regel das unspektakulärste Ereignis des Tages ist.
Und der kennt sicher auch dieses Maximum an stupider Einöde und unerträglicher Langeweile, die der alltägliche Weg mit sich bringt.

Die immer gleiche Strecke.
Die immer gleiche Uhrzeit.
Die immer gleichen Gesichter.
Die immer gleichen Abläufe.

Jeder gibt sich roboterähnlich seinem routinierten, gedankenlosen Trott hin und es gibt kaum merkliche Veränderungen.
Wenn der Sitznachbar im Bus niest, ist dies schon eine bahnbrechende Abweichung und der Höhepunkt der Spannungskurve.
Viele versuchen sich während dieser Reise durch die Stille, mit Lesen und Handy-Getippe wach zu halten, andere geben sich dem naheliegendsten Impuls, dem Schlafen, hin.
Es ist faszinierend, dass man täglich beieinander sitzen kann, ohne das man miteinander spricht, etwas voneinander weiß oder das irgendetwas passiert.

Es gibt nun drei Möglichkeiten:
a) man beginnt Gespräche
b) man schaut sich an, was um eine andere Uhr-bzw. Tageszeit los ist
c) man nimmt einen anderen Weg.

Da ich nicht der Typ bin, der dieses friedliche, unbeschwerte Miteinander mit Geplauder stören und die angenehme Anonymität aufgeben möchte, entscheide ich mich für die Varianten B und C.
Und verlasse meine Komfortzone.

Variante B erstaunt und begeistert mich gleichermaßen.
Es ist nichts wiederzuerkennen.
In den sonst leeren und geschlossenen Geschäften herrscht plötzlich rege Betriebsamkeit und Lebendigkeit.
Häuser, Wege und Bäume sehen nicht nur völlig anders aus, auch andere Details stechen ins Auge, während das Vertraute und Altbekannte unsichtbar zu sein scheint.
Fremde Gesichter säumen die Straße und nichts macht den Eindruck, als würde es zu einem sich wiederholenden Ablauf gehören.
Alles wirkt einzigartig und einmalig in diesem Moment und so als wäre ich an einem neuen und unbekannten, nie zuvor gesehenen Ort.

Nichts wirkt routiniert.
Oder bin vielleicht ich in dieser Situation der niesende Sitznachbar und alle anderen fließen dahin in ihrem üblichen Strom?

Alles was anders, neu und fremd ist, scheint oftmals spannender und aufregender zu sein als das Vertraute und Bekannte.
Es ist zumindest erfrischend und inspirierend, Neues zu entdecken und für die Weiterentwicklung unverzichtbar.
Das Bewusstsein wird gefordert, man ist auf das Hier und Jetzt konzentriert und die Sinne sind geschärft.

Aber ist das „Andere“ automatisch besser?
Nein.
Der tröge Trott ist nicht weniger wichtig als rege Abwechslung.
Der Alltag gibt uns Sicherheit, Gelassenheit und Ruhe.
Und Zeit über Verschiedenes nachzudenken und uns treiben zu lassen, während wir ruhig dahin gleiten, ohne vorher jeden Schritt analysieren zu müssen.

Sicher, zuviel Eintönigkeit und Mangel an Erlebnissen macht unzufrieden.
Wir brauchen Erfahrungen, Unternehmungen und Herausforderungen. Sie sind die Nahrung für die Seele und für das Glücklich-sein.
Aber Abwechslung führt bei Übertreibung auch zu Überforderung.
Zuviel des Einen bringt uns früher oder später aus dem Gleichgewicht.

Und irgendwann wird auch das ständige Verändern-wollen zur Routine, verliert seinen Reiz und seine Besonderheit.
Gerade die Seltenheit steigert die Intensität und die Bedeutung.
Und für die nötige Abwechslung im Alltag reichen oft schon kleine Veränderungen, um uns interessante Erfahrungen und Erkenntnisse zu bescheren.

Es lohnt sich also, hin und wieder die alten Gewohnheiten zu hinterfragen, die stupiden Abläufe zu variieren und das Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Man sollte aber nicht krampfhaft versuchen Dinge zu verändern, die uns gut tun.

Für meinen langweiligen Arbeitsweg nutze ich ab sofort Variante C und ich frage mich gerade, wieviele Wege es gibt, die mich morgens auf die Arbeit bringen können und wie lange es dauert, sie alle zu entdecken.

Ich bin jetzt schon gespannt, was möglicherweise passiert und welcher der vielen Wege sich als mein Favorit entpuppen und mich glücklicher, lebendiger und zufriedener machen wird.

Schließlich ist es doch genau das, worum es in unserem Leben geht, oder?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s