Der stürmische Anton

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Es neigt sich dem Ende zu.
Unaufhaltsam.
Obwohl eigentlich alles noch genauso ist, wie vor einer Woche, lassen sich die sicht-und spürbaren Veränderungen nicht mehr länger ausblenden.

Anton, eine imposante, große Erscheinung mit dichtem, braunen Bart und baumähnlich, knorriger Statur, macht sich zielstrebig, mit strammem Schritt und schwerem Tritt, in seinen dicken roten Gummistiefeln und dem orangerot-gelben Friesennerz, auf den nicht mehr allzu weiten Weg hierher.
Aus den Ärmeln schüttelt er, gut gelaunt und gemeinsam mit dem kühlen Wind fröhlich pfeifend, die ersten erschöpften und vergilbten Blätter.

Und da er als Herbst hartnäckig und kraftvoll versucht, den geschwächten Sommer zu vertreiben, machen sich seine Erfolge bereits bemerkbar.
Es ist kälter geworden.
– morgens und abends.
Es ist dunkler geworden.
– morgens und abends.

„Es ist Zeit für dich, zu gehen, Rosalie“, brummt Anton mit seiner tiefen, mürrisch klingenden Stimme.
Die Sonne versteckt sich, eingeschüchtert von dieser wärmeschluckenden Gestalt, besorgt hinter dicken, dichten Wolken.
Zaghaft blinzelt sie hinter ihren grauen Beschützern hervor und wirft Rosalie einen unsicheren Blick zu.
Rosalie weint, vom Abschiedsschmerz geplagt, unendlich viele Tränen, die aus dem Himmel auf die Erde prasseln.
„Anton, bist du sicher?“ fragt Rosalie bestürzt mit dünner Stimme, in ihrem hübschen, grünen Sommerkleid.

„Du hattest deine Zeit voller Helligkeit, Leichtigkeit und Frohsinn. Du hast sie wieder alle geblendet, mit deinen Sonnenstrahlen, hast sie rausgejagt in die lauschig-warmen Nächte, hast sie gedankenlos in Ausgelassenheit tanzen und feiern lassen bis zum Morgengrauen.
Nun ist es Zeit für die Menschen, zur Ruhe zu kommen, zu sich zu kommen und mit ungetrübtem Blick auf die Welt zu schauen“ flüstert Anton schon etwas sanftmütiger, trotz seiner stürmischen, rauen Art.

„Aber warum können wir denn nicht die Zeit gemeinsam verbringen, ohne dass man sich immer gleich trennen muss?“

„Ach Rosalie, das ist leider nicht so einfach. Du kannst es den Menschen nicht Recht machen. Sie wollen immer Abwechslung, weil sie sich sonst langweilen. Und wenn sie Abwechslung haben, wünschen sie sich mehr Beständigkeit.
Sie wollen immer gerade das, was sie nicht haben.
Weißt du, wie oft mir der Winter schon sein Leid geklagt hat, weil die Menschen immer jammern, er wäre so kalt und dunkel? Der Schnee sei eklig und matschig, das Eis zu glatt und rutschig, aber Plätzchen und Glühwein seien lecker und machen lustig.“
Wenn du mit der Sonne die Erde wärmst, beschweren sich die Menschen über die Hitze und essen Eis und füllen Eiswürfel in ihre Gläser, garniert mit einem Scheibchen Zitrone und einem Minzblatt.
Und im Winter zünden sie sich ein Feuer an oder legen sich in ihre Badewannen und träumen von wärmenden Sonnenstrahlen, während sie heißen Glühwein trinken.
Im Frühling sehnen sie sich nach schnee- UND sonnenreichem Skiurlaub und flüchten im Herbst in den Süden.

Wir werden unseren Jahreszeitenwechsel noch so lange bestreiten müssen, bis die Menschen endlich lernen, zufrieden zu sein – mit dem was sie haben und mit dem was ist.
Und wenn sie begriffen haben, dass es der Moment ist der zählt und dass das Leben JETZT stattfindet, dann können auch wir endlich wieder beieinander sein….“

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