Der langsame Grashalm oder wenn die Ungeduld im Weg rumsteht.

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Nein, ich habe keine Geduld.
Ich hatte sie noch nie.
Ich hoffe jeden Tag, dass mir diese komplizierte Tugend verständlich und umsetzbar wird, aber: mir fehlt die Geduld.

Ich will Erfolge. Sofort.
Ich will meine Ziele erreichen. Sofort.
Das ständige Warten liegt mir nicht.
Zumindest nicht, wenn ich mit der aktuellen Situation unzufrieden bin, mir etwas am Herzen liegt und ich bereits eine Entscheidung getroffen habe.

Das manche (viele!) Dinge Zeit brauchen und sich entwickeln müssen, weiß ich zwar theoretisch, praktisch allerdings scharre ich nervös mit den Füßen und trommel mit den Fingern auf die Tischplatte.
Sie hat schon Dellen.

Stetes Trommeln höhlt das Holz.

Schnell komme ich an den Punkt, an dem ich aufgeben will.
„Dann eben nicht! Entweder gleich oder gar nicht!“
Keine sonderlich effektive Denkweise, vor allem da ich weiß, dass sich Prozesse nicht durch den reinen Willen beschleunigen lassen.

Nun erzählte mir einst eine Freundin eine Geschichte, die mir täglich in den Sinn kommt und mich beim Trommeln erschrocken innehalten lässt.
Ich möchte sie (in meinen Worten sehr frei nacherzählt, da mir der Autor leider nicht bekannt ist) an euch weitergeben, da sie mich zuverlässig ermahnt, nicht immer gleich die Flinte ins Korn zu werfen, wenn’s mal wieder länger dauert.

„Ein Mann hatte vor seinem Haus Grassamen gesät und freute sich seit diesem Moment auf einen hochgewachsenen, prachtvollen Rasen, auf dem er voller Stolz im Sonnenschein würde sitzen können.
Jeden Tag öffnete er hoffnungsvoll und voller Euphorie die Haustür, um den Rasen zu bestaunen und um die täglich sichtbaren Erfolge zu betrachten.
Doch jeden Tag wurde er enttäuscht.
Es passierte nichts. Gar nichts.

Nach sechs Wochen war er von seinem hochgewachsenen, prachtvollen Rasen meilenweit entfernt, denn gerade mal lugten zarte, hellgrüne Spitzen vorsichtig aus der Erde hervor.
Er hatte genug. Er nahm ein Lineal und maß die Länge der jungen Grashälmchen. Sie waren gerade 2mm lang. 2mm?!? Das konnte doch nicht sein. Er war empört, enttäuscht und verärgert. Wie konnte es sein, dass dieses Gras so langsam wuchs?
Würde es in diesem Tempo weitergehen, würde er erst im nächsten Jahr auf diesem Rasen sitzen können.
Er musste den Prozess beschleunigen.
Er legte sich auf die Erde und zog an jedem einzelnen Hälmchen, so dass sie plötzlich doppelt so lang waren wie zuvor und schon als Rasen bezeichnet werden konnten.
„Na also, geht doch“, dachte er sich und ging erschöpft aber zufrieden zu Bett.
Am nächsten Morgen erwachte er voller Aufregung und Vorfreude, erfüllt mit Stolz auf seine Idee und sein Engagement, wodurch er den mühseligen Prozess so effektiv hatte beschleunigen können.
Mit seinem Gartenstuhl unter dem Arm öffnete er voller Elan die Tür und – erstarrte.
Was er sah war grauenvoll und niederschmetternd. Denn was am Abend zuvor noch ein frischer Rasen gewesen war, war jetzt ein Friedhof voller brauner und toter Grashälmchen.“

In diesem Sinne ihr lieben, ungeduldigen Gleichgesinnte, akzeptieren wir doch einfach wie es ist.
Alles braucht seine Zeit.
Lehnen wir uns also lieber entspannt zurück und schauen dem Gras beim Wachsen zu, bevor wir etwas Gutes im Keim ersticken.

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9 Antworten zu “Der langsame Grashalm oder wenn die Ungeduld im Weg rumsteht.

  1. Bis zum Herrn mit dem Rasen sehe ich mich auch. Ganz genau so.
    Mit dem entscheidenden Unterschied. Ich hätte Rollrasen genommen.

  2. Traurige Geschichte. Der Mann hat kein Gefühl und keine Wertschätzung für Lebendiges, für etwas, das wächst und wird. Und deshalb zerstört er es.

  3. Ich bin auch ein ungeduldiger Mensch…, ich hätte zwar niemals an den einzelnen Grasspitzen gezupft, sondern direkt einen Rollrasen bestellt :D Sich in Geduld üben ist schwer und ich bezweifle, dass man es sich in der Tat abgewöhnen kann. Es hilft aber sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass es eben manchmal nicht schneller geht.

    • Ja, ganz genau..ich hätte auch gar keine Geduld an jedem Halm zu zupfen..;)
      Aber daran erinnert zu werden, dass das übertriebene „Beschleunigen wollen“ nicht zielführend ist, hilft mir mit dieser Geschichte ungemein..

  4. Das schwierige daran, Geduld zu lernen ist: man lernt sie nur wenn man sie hat.
    Manchmal ist es irgendwie verflixt :)
    Also…Geduld meine liebe Sophie…

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