Der Goldfisch von Oberunterbach

Bärbel-Chantal hatte es sich auf der Couch bequem gemacht, ein paar verstaubte Blockkerzen angezündet, laszive Posen geprobt, zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank geholt und unter ihrem tief ausgeschnittenen, kurzen Kleid die Strapse in Position gezurrt.
Sie ließ sich, von den durch die Wohnung wabernden, nach Patchoulli duftenden Nebelschwaden der Räucherstäbchen, einlullen und rauchte parallel dazu, umgeben von Aerosmith‘ „Crazy“, eine Zigarette.

Sie blickte zufrieden auf ihre Füße, auf die rot lackierten Nägel und wackelte freudig mit den Zehen.
So eine Pediküre ist schon was Feines, dachte sie sich, auch wenn es wohl eher wenige Männer gab, die während dem Sex auf ihre Füße achten würden. Mal abgesehen von einem Fuß-Fetischist.
Sollte er zu dieser Kategorie gehören (man konnte ja nie wissen), war sie zumindest auch in dieser Hinsicht verdammt gut vorbereitet.

Als es endlich an der Tür klingelte, sprang sie erschrocken auf, zupfte nervös an Kleid und Haaren, spitze ihre vollen Lippen, rückte ihren schweren Busen zurecht und schlawenzelte, nach einem kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel, durch den klimpernden Fadenvorhang zur Wohnungstür.

Gedankenverloren drückte sie, vor Aufregung wie betäubt, mit pochendem Herzen auf den Öffner.
Die Hand immer noch auf dem Knopf, atmete sie tief durch und riss schließlich, nach einer halben Ewigkeit, die Tür auf.
Er stand bereits vor ihr, die eine Hand lässig am Türrahmen abgestützt, die Andere in der Hosentasche.
Das Türschloss summte immer noch.
„Hey du,“ raunte er grinsend, „wie lange möchtest du noch auf den Öffner drücken?“

„Hiiiiiiiii“, hauchte Bärbel-Chantal in der ihr möglichen, verführerischsten Art und Weise, spielte mit ihren Haaren und fühlte sich dabei aufreizender als Marilyn Monroe zu ihren besten Zeiten.
Er schob sich an ihr vorbei, nahm ihre Hand vom Öffner und zog sie ins Wohnzimmer.

Sie hatte ihren (hoffentlich, hoffentlich) zukünftigen Playboy im „Strammen Max“, der beliebtesten und vor allem einzigen Bar in Oberunterbach, kennengelernt.
Nachdem er die rauchige Kneipe betreten hatte, in der hauptsächlich die alten Dorf-Säcke, auf der Flucht vor Heim und Frau, an der Theke und dem Spielautomaten lümmelten, wollte Bärbel-Chantal gerade gehen.
Doch sie hatte sofort entschieden, dass ein weiteres Schnäpschen sicherlich nicht schaden konnte und diesen Prachtjungen in ihr Fadenkreuz aufgenommen.
Viele Alternativen gab es ja auch nicht, wenn sie auf die breiten, haarigen Bauarbeiter-Dekolletés an der Bar sah.

„Was verschlägt dich denn hier her Sweetie“, säuselte sie, wie die Nutten in einem amerikanischen Wildwestfilm und strich wie eine rollige Katze um ihn herum.

„Couchsurfing.“ Seine Antwort war knapp.
„Couchsurfing?“
„Ja.“
„Aha. Und was ist das?“

Er kam einen Schritt auf sie zu.
„Wenn du mir deine Adresse verrätst, zeig ich’s dir.“
Ihr Herz machte einen Sprung, als er sie mit festem Griff umfasste und eine blonde Strähne aus dem Gesicht strich.

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