Gähn-Defekt

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Rückblick.
Klassisch in schwarz-weiß:

Herbstblues.
Oh jeh.
Von Panik ergriffen sah ich mich hilflos der trist-traurigen, dunklen Zeit gegenüber, die mit schweren Schritten bedrückend schnell auf mich zugestapft kam.

Vor der mich mehr und mehr umschließenden Trägheit und Melancholie flüchtete ich gähnend und verkroch mich mit letzter Kraft schutzsuchend unter meiner Bettdecke.
„Tired, dededeeeee, I’m so tired..“

Pünktlich zur Winterdepression befasste ich mich müde mit den Fragen des Lebens und revuepassierte resigniert vor mich hin.
Aufstehen und rausgehen, wozu?
Das Leben steht still und um die stille Nacht zu überstehen, lässt es sich am besten bei schwacher Beleuchtung und warmen Socken einschlafen, sobald die Welt ihr Licht ausgeknipst hat.
„Schlaf Kindlein schlaf..“

Doch selbst als diese Phase weitestgehend unbeschadet überstanden war, quälte ich mich während der Frühjahrsmüdigkeit von Tagtraum zu Tagtraum. Auf der Jagd nach Lebendigkeit, steckte mir die Müdigkeit noch in den Knochen und der Muskelabbau durch monatelanges Liegen und Warten, hatte sein übriges zur vollkommenen Erschöpfung und Energielosigkeit beigetragen.
„Müde bin ich, geh zur Ruh..“

Ende des Rückblicks.
Fokus auf die Gegenwart.
Ein Sommertraum:
„Quietschlebendig hüpfe ich energiegeladen und voller kribbelnd-prickelnder Euphorie durchs saftige Gras.“

Von wegen.
Tatsächlich fahre ich akkord-gähnend und todmüde Auto und stelle mir bei jedem weiteren unkontrollierbaren Aufreißen meines Mundes vor, wie ich mit Steven Tyler „Crazy“ singe und bemerke fasziniert die zunehmende Ähnlichkeit.
Verrückt.
Die bleierne Schläfrigkeit drückt mich machtvoll in den Sitz und entgegen aller Rockstar-Analogie sehne ich mich nach einem kuschligen, Müdigkeit-verschlingenden Bett.

Ich bin chronisch müde.
Jedes Jahr, das ganze Jahr, unabhängig von der Jahreszeit.
Und die Zeit, die ich mit Gähnen verbringe, nimmt unvorstellbare Ausmaße an.

Dabei hat Gähnen ja angeblich nichts mit Müdigkeit, sondern mit Sauerstoffmangel zu tun.
Aha.
Jetzt mal ganz unter uns:
Wie kann man an einer Sauerstoffunterversorgung leiden, wenn man bei offenen Fenstern durch die Landschaft fährt und trotzdem alle paar Sekunden aussieht wie ein hungriges Nilpferd?

Ich habe es heute während 60min Autofahrt auf 34 herzhafte Gähner gebracht.
Ist das bedenklich? Gibt es Referenzstudien?
Forschungsergebnisse?
Dabei fällt mir ein:
Gibt es eigentlich einen Gähn-Rekord?

Fest steht, dass sich meine Gesichtsmuskulatur eindeutig äußerst beunruhigend zu verspannen beginnt und meine Mimik einen stets angespannten Eindruck macht.
Die Alarmglocken schrillen!
Ein eindeutiger Fall für den Physiotherapeut.

Gott sei Dank bin ich nicht allein mit meiner mich manipulierenden Schläfrigkeit und es scheint sich eine neue Volkskrankheit zu entwickeln:
Der Gähn-Defekt.

Doch warum klagt scheinbar jeder über diese ständige Müdigkeit und die eingeschlafenen Lebensgeister?

Das Überangebot an Wahlmöglichkeiten ist ermüdend.
Der alltägliche Stress und der Zeitmangel kräfteraubend.
Während ich von A nach B hetze, bin ich gelangweilt von der ständigen Routine der To-Do-Listen-Abhakung.
Was bleibt ist ein Funken Freizeit, in dem der Druck des Tages abfällt und man nach all der Anstrengung nur noch erschöpft in seine Kissen sinken kann.

Willkommen im 21.Jahrhundert, dem Zeitalter der Pflichterfüllung, in dem das Gefühl der eigenen Erfüllung oft viel zu kurz kommt.
Zeit aufzuwachen, sich selbst wach zu rütteln, auf die Bremse zu treten und die eigenen Prioritäten zu überdenken.
Denn wenn wir etwas tun, das uns Freude macht, wird uns die Energie nicht geraubt, sondern unsere Batterien kontinuierlich aufgeladen.

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Eine Antwort zu “Gähn-Defekt

  1. …wenn wir etwas tun, das uns Freude macht, wird uns die Energie nicht geraubt, sondern unsere Batterien kontinuierlich aufgeladen. –> unterschreibe ich! :)

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